Lange lag dieses Blog brach; die Pausen wurden länger; Text wurde durch Fotos ersetzt oder komplett gestrichen... es gab einfach wenig zu schreiben bzw. zu wenig, was ich der ganzen Welt hätte mitteilen wollen. Das vergangene Jahr war ein ewiges Auf und Ab, ein konstanter Zustand zwischen Hoch und Tief; jeder war letztendlich froh, als es schließlich vorbei war. Und nun haben wir Juni: Die Hälfte von 2008 ist somit beinahe passé, ebenso wie ein gewisses Journalismus-Studium im Herzen Hessens, das nach vier Jahren sicher dem Ende zugeht – und dabei fühle ich mich doch so, als wäre ich gestern erst hierher gezogen.
Neben ein bisschen aufkeimender Wehmut und dem Schwelgen in vergangenen Momenten, wird es also höchste Zeit für ein gepflegtes Glas guten Rotweins (Cannonau Di Sardegna / 2003) und dem Geräusch der prasselnden Regentropfen, die gerade mit unnachgiebiger Zielstrebigkeit den Steinboden meines Hinterhofs benetzen. Eine perfekte Geräuschkulisse, um diesem Blog wieder ein wenig mehr Leben einzuhauchen, vielleicht mit einem aktuellen Tonträger-Relistening!? Eine ausführliche Betrachtung der wichtigsten deutschsprachigen CD des Jahres, die ohnehin in letzter Zeit viel zu oft im Hintergrund läuft...
Schneller, Höher, Weidner...
Die Rede ist, wie einige vielleicht schon am Titel des Blogeintrags erkannt haben mögen, vom ersten Solo-Album des Ex-Onkelz Bassisten und Songwriters
Stephan Weidner, vielen schon in Onkelz-Zeiten eher bekannt als "Der W". Der W hat also ein Album veröffentlicht und gleich schrillt es aus dem Onkelz-Kader in zwei verschiedenen Tonlagen. Die einen freuen sich auf ein Soloprojekt von besonderer Qualität, wiederrum andere rümpfen die Nase und stimmen in die altbekannten "Die Onkelz wird es eh nie wieder geben, Weidner solo ist scheiße!"-Gesänge ein. Was Nicht-Onkelz-Fans und sonstige Dumpfbacken im Internet so abladen, will ich lieber gar nicht erst aufgreifen.
Man tut dem Mann zudem unrecht, wenn man "
Schneller, Höher, Weidner" nach dem ersten Hören direkt als mittelmäßiges Werk ohne Tiefgang betitelt - ein guter Freund von mir hat diesen absurden Fehler in ähnlichem Wortlaut kürzlich begangen und wurde von mir dahingehend sofort belehrt! ;-)
Jetzt ist es natürlich so, dass man sich als Journalist einer gewissen Neutralität bedienen sollte. Die Leute von Spiegel-Online.de haben in einem Interview mit Weidner, welches im Vorfeld zur Veröffentlichung des Albums stattfand, diese Karte schon sehr professionell ausgespielt - meinen sie zumindest selbst. Aufmerksame Leser haben sich dagegen sehr oft gefragt, ob da nicht ein absoluter Anti-Onkel am Schreibtisch saß. Es ist schon lange her, dass ich ein Interview als derart einseitig und am Thema vorbei empfand. Doch abseits dieser immerwährenden Diskussionen und nie enden wollenden Anschuldigungen von anderen Presse-Leuten oder der allgemeinen
Dummheit Menschheit, die es mittlerweile besser wissen sollte, will ich hier nicht weiter in alten Wunden bohren. Ich für meinen Teil war schon Onkelz-Fan bevor ich Journalist wurde und genau aus diesem Grund wird Nachfolgendes auch weniger objektiv, sondern durchweg subjektiv beschrieben. Sozusagen Eddy ganz privat! ;-) Der Fokus liegt ja auch auf der Musik.
Die reine Musik...
Stephan Weidner erschuf sein erstes Soloprojekt als einfühlsames, emotionales und sehr persönliches Werk. Gewohnt gute Rock-Musik harmoniert mit ehrlichen und oftmals zweideutigen Lyrics, die von moderner Poesie, schmerzhafter Direktheit bis hin zu brachialer Straight-To-The-Face-Attitude reichen. Weidner verarbeitet in diesen Zeilen viel Vergangenheit. Das Ende der Böhsen Onkelz ("Asche zu Asche") und der Tod eines guten Freundes ("Zwischen Traum und Paralyse") sind nur zwei der einprägsamen Themen, die sich ansonsten von Neid, Missgunst, Feinden, Freunden, der Depression des Zeitgeists, Kommerz, Konsumwahnsinn über Angst bis hin zu Vaterliebe erstrecken.
All das wird natürlich mit reichlich Pathos und einem ordentlichen Schuss Selbstironie angereichert, was viele Vergleiche mit den Onkelz nach sich zieht. Den Kenner wundert das nicht, da ja allgemein bekannt sein sollte, wer oftmals der „Kreative“ bei den Rocklegenden war. Zu meinen persönlichen Favoriten gehört übrigens der bereits erwähnte Song "Zwischen Traum und Paralyse", der mir bei jedem Hören aufgrund vergangener Abschiede das Wasser in die Augen treibt und das Lied "Stille Tage im Klischee", eine literarische Anspielung auf Henry Millers "Stille Tage in Clichy", das sich mit Alkoholismus beschäftigt, dennoch verdammt gute Laune macht. Dem schließen sich die rockigeren Nummern des Longplayers, beispielsweise "Geschichtenhasser" und "Mein bester Feind" an.
Insgesamt gesehen ist "Schneller, Höher, Weidner" ein kompromissloser Schritt in eine Solokarriere, die mit dieser einen Veröffentlichung hoffentlich erst anfängt. Weidner – fernab von Effekthascherei, bloßem Kommerz und aufgesetztem Pseudo-Intellekt – erzählt aus seinem Leben und verführt mit Text-Genialität und mitreißenden Melodien, ohne dabei an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Für viele mag es vielleicht bessere Alben geben; für viele mögen die Onkelz nie wieder kommen und alles danach wie Aufguss klingen; für mich ist Weidners Scheibe aber einfach großartig. Ein Album, das in meinen Augen die Höchstwertung verdient – und das, obwohl es mein persönlicher Sommerhit 2008 ("Heiß") leider nicht mit aufs Album geschafft hat, dafür aber über
MySpace als Dankeschön an alle Fans nachgereicht wurde! ;-)
Fazit: Fans der Onkelz können meines Erachtens bedenkenlos zugreifen, genauso wie Befürworter ehrlicher deutscher Rockmusik, die mit oberflächlichem Mainstream-Ejakulat nicht viel anzufangen wissen. Alle anderen sollten zumindest ein kurzes Ohr riskieren, denn ein emotionaleres und ehrlicheres Werk als "Schneller, Höher, Weidner" wird es in absehbarer Zeit wohl nicht so schnell geben.