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Have A Little Faith...

Die Rede ist heute von Mirror's Edge. Ein Spiel, das mich schon seit dem ersten Trailer fasziniert und interessiert. Eine sehr offene Spielwelt mit vielen verschiedenen Wegen, die zum Ziel führen? Ein Spielprinzip, das einen in der Ego-Perspektive in die Rolle einer Runnerin (moderne Boten bzw. Kuriere) schlüpfen lässt, die Parkour wohl mit der Muttermilch aufgesogen hat? Kurzum ein ziemlich innovatives Game, das es wert ist getestet zu werden - auch wenn man mit dem Publisher nicht unbedingt die besten Erfahrungen (1|2) gemacht hat.

Wenn man das jedoch großzügig ausblendet, wird man wirklich positiv überrascht. Überrascht von einem Game, das mit seinem eigenwilligen Grafik-Stil (viele Comicelemente und eine surreale Umgebung, die mehrheitlich steriles weiß mit vielen knalligen Farben bietet, was extrem stylisch aussieht), durchdachter Technik, genialer Steuerung und einem Spielgefühl reich an Adrenalin, dem oft zitierten "Erlebnis" wirklich nahekommt.


Mirror's Edge startet direkt von null auf hundert. Nach einem kleinen einleitenden Tutorial wird man auch schon ins eiskalte Wasser geschubst. Grazil und anmutig hüpft und rennt man über die Dächer der "diktatorisch" geführten Großstadt, immer auf der Suche nach gelben Koffern und der wichtigen Aufgabe, geheime Informationen sicher von A nach B zu bringen. Keine fünf Minuten unterwegs ist man auch schon gehetzt und panisch auf der Flucht vor Wachpersonal und korrupten bzw. fehlgeleiteten Cops. Dabei erlebt man immer wieder waghalsige und halsbrecherische Stunts, bis man durch Zufall mitten in eine riesige Verschwörung gerät, die dann letztendlich doch nicht so zufällig passiert ist. Doch je tiefer unsere Heldin Faith in den schmutzigen Sumpf um verstörte Regime und die totale Kontrolle eintaucht, umso mörderischer wird das Treiben. Bis letztendlich ihr einzig verbliebenes Familienmitglied in großer Gefahr schwebt und sie entschlossen zum Gegenangriff übergeht.


Spielmechanik, oder: Die Kunst der Demütigung

Mehr wird zur Story auch gar nicht gesagt. Viel wichtiger ist der folgende Punkt: Die Demütigung und Erniedrigung. Ich bin ja vom Spielprinzip, der fühlbaren Spannung, dem gigantisch guten Soundtrack und der eigentlichen Story sehr gefesselt und mehr als überzeugt gewesen. Es macht wirklich einen Heidenspaß mit Faith rumzuturnen - die Umsetzung und das Spielgefühl sind ebenso genial, wie der nüchterne Auftritt: Bis auf einen winzigen halbtransparenten Orientierungs-Punkt in der Mitte des Bildschirms gibt es keine Anzeigen oder HUDs auf dem Bildschirm.

Aber was bitteschön ist das denn für ein Schwierigkeitsgrad meine lieben Entwickler? Ich hatte beim ersten Spielen noch die warnenden Worte meines Dealers im Ohr: "Wenn du wirklich so richtig gedemütigt werden willst, dann zock Mirror's Edge!" Anfangs verstand ich die ganze Aufregung gar nicht, zockt sich auf Stufe 2 von 3 Schwierigkeitsgraden (Stufe 3 und damit "Schwer" gibt es erst nach einmaligem Durchspielen) das Spiel doch verhältnismäßig einfach bis fair. Die Kletterpartien sind zwar teilweise schon sehr knifflig, aber gerade die Konfrontationen mit den bewaffneten Gegenspielern sind für die Möglichkeiten des nicht-tödlichen Nahkampfes noch einigermaßen gut ausbalanciert. ABER: Irgendwann in Akt 7 von insgesamt 9 fährt das Spiel einen so kackschweren Schwierigkeitsgrad auf, dass man nur noch mit den Ohren schlackern kann. Ich habe geflucht, ich habe geschrien, ich hatte schweißnasse Hände, ich war der Verzweiflung verdammt nahe, aber trotz der Demütigung unglaublich motiviert. Es waren weniger die Kletterparts - da gibt es schon ein paar knackige und fiese, die aber eigentlich ziemlich schnell gelöst sind. Der selbstauferlegte Bonus auf keinen einzigen Menschen zu schießen (und dafür satte 80 Gamerscore als Belohnung zu kassieren), macht das Spiel so unglaublich schwer, unfair, unmenschlich und treibt einen schier in den WAHNSINN. Allein im letzten Kapitel gibt es drei besonders herausragende Stellen, wo man sich bisweilen fragt: "Verdammt nochmal, verdammt, verdammt, verdammt! Wie schaffst du das nur hier durch, ohne die Typen umzunieten?"


Ich bin der Meinung, dass man dem Spieler hier was das Balancing angeht, ruhig einen kleinen Gefallen hätte tun können. Beispielsweise hätte es schon sehr gut getan, wenn Faith in den letzten Kapiteln eine leichte schusssichere Weste bekommen hätte, um einfach ein wenig mehr einstecken zu können als in ihrem schwarzen ärmellosen Laufshirt. Das Verhältnis stimmt nämlich irgendwann so gar nicht mehr: Die Widersacher, die von Kapitel zu Kapitel zunehmend zahlreicher auftreten, haben nämlich mehrheitlich eine Vollkörperpanzerung, massive Helme, schwere vollautomatische Waffen und schlucken dazu noch gut 6 bis 8 Treffer, bis sie endlich bewusstlos zu Boden gehen. Man selbst rennt dagegen herum wie im ersten Level und liegt nach 2 bis 3 Schlägen oder maximal 2 Schüssen geplättet im Dreck.

Fazit: Bis auf diese wirklich arg fordernden und teilweise frustrierenden Umstände und die doch sehr kurze Spieldauer, wird das Spielerlebnis aber in keinster Weise getrübt. Es ist schwer, aber dank der intelligent und vor allem ausreichend gesetzten Speicherpunkte auch wieder schaffbar (was man an meinem Gamerscore sehr gut erkennen kann *g*). Wer nun vielleicht Angst hat, dass die Mischung zwischen Klettern und Nahkampf irgendwann langweilig wird, der sei hier beruhigt. Die Szenerien könnten abwechslungsreicher nicht sein, die Mischung passt perfekt, Langeweile kommt nicht auf. Die Spielwelt ist detailliert sowie sehr schön anzusehen und bietet vor allem auf Seiten von Geschichte und Look endlich mal Abwechslung gegenüber dem Shooter-Einheitsbrei der letzten Jahre. Aber Pardon, Mirror’s Edge ist ja auch kein Shooter. Es ist ein First-Person-Adventure-Action-Sport-Spiel, das die Akrobatik eines Assassin’s Creed mit spannenden Thriller-Elementen, toller Musikuntermalung und schicker Aufmachung vereint. Und dazu noch ein Spiel, das einem wirklich die Geduld als Tugend lehrt. Wirklich klasse und meines Erachtens die Überraschung des Jahres.

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