Mittwoch, 5. Dezember 2007

Krise²

Wer dieses Blog hin und wieder verfolgt oder das Glück hat mich persönlich zu kennen, der weiß, dass ich nicht so schnell aufgebe. Nun, nach meiner sehr negativen ersten Meinungsäußerung über genanntes Krisenspiel, war ich nun wahrlich nicht besonders motiviert, das Game überhaupt durchzuspielen. Doch von mieser Optik aufgrund fehlender Hardwarepower hab ich mich noch nie aufhalten lassen. Schließlich gibt es noch andere, stellenweise viel wichtigere Qualitäten, die einem Spiel zum Erfolg verhelfen können.

Ich habe mich also durchgekämpft, doch was ich in den letzten Tagen mit Crysis erlebt habe, gleicht einem Trauerspiel. Wer wirklich beabsichtigt, sich dieses unausgegorene und halbfertige Unterhaltungsprogramm noch zu kaufen, dem sei vom Weiterlesen ganz klar abgeraten, denn auf etwaige Spoiler kann ich hier keine Rücksicht nehmen.


Let's Get The Shit Started...

So, wo fange ich nun am besten an? Vielleicht am Anfang: Etwa drei Viertel des Spiels läuft man wie bekloppt im Dschungel herum. Aufgaben gibt es nicht. Alles was Crysis bietet ist ein mehr als ausgelutschtes Schema F. In der Praxis gestaltet sich das so: Gehe zu Punkt a) und mach alle fertig, um danach zu Punkt b) zu gehen und alle fertig zu machen! Highlights sind das Zerstören von Flugabwehrstellungen, einer Handvoll Störsendern und das mehr als lahme Rumgegurke mit einem Panzer. Insgesamt war selbst der Vorgänger "Far Cry" an der Stelle kreativer, musste man damals doch wenigstens noch die ein oder andere Chipkarte für die dazugehörigen Türen finden.

Nun... überspringen wir ein paar Quadratkilometer Dschungel und Horden von Koreanern, finden wir uns irgendwann in einem Steinbruch wieder. Ab da wurde das Spiel von "erst lasch bis machbar" sprunghaft zu "unglaublich schwer bis seid ihr komplett bescheuert"! Das lag aber weniger an den knüppelharten Gegnern, die plötzlich auch Nano-Anzüge tragen und Mini-Guns im Anschlag haben. Die hatten es schon auch in sich, aber die Rede ist hier eher von schweren Bugs, die ein Indiz dafür sind, dass Publisher EA mal wieder nur die Kohle im Sinn hatte und den engagierten Entwicklern einige Wochen an wertvoller Nachbereitungszeit abgezwackt hat. Nicht selten kommt man im Spiel einfach nicht weiter, weil ein Skript nicht anläuft, eine Tür sich nicht öffnet oder die Sprachausgabe des Kommandanten in der Endlosschleife trällert, sich aber im Spielverlauf trotzdem nichts weiter bewegt. Klasse! Das ist doch Zucker für die Motivation, wenn man Spielabschnitte zigmal neu laden muss, um überhaupt voran zu kommen.

Das Ganze gipfelt dann vorläufig im ominösen Raumschiff der Aliens und der ersten richtigen Änderung im Spielverlauf, wobei diese "neue" Umgebung für alte Zocker nicht wirklich eine Überraschung darstellt. Wer seinerzeit Unreal oder Alien vs. Predator gezockt hat, kennt Raumschiffe und Schwerelosigkeit also schon - und ist so ganz nebenbei auch besser unterhalten worden. Somit ist die größte Herausforderung in diesen Levelabschnitten, die Orientierung nicht zu verlieren, denn dank der Schwerelosigkeit und dem unübersichtlichstem, was ich lange an Leveldesign bestaunen musste, wird das herum eiern in der Raumstation zur echten Geduldsprobe. Diese wird übrigens noch intensiviert durch die herum wuselnden Aliens. Wer hier jetzt aber stilistische Extravaganzen oder einwandfreie Monster erwartet, wie sie damals schon von Ripley oder Dutch aufs Korn genommen wurden, wird bitter enttäuscht. Was der Spieler für sein Geld bekommt sind blasse, mintgrüne Kaulquappen, die in etwa so furchteinflößend sind wie verschimmelter Frischkäse. Dafür wird man sie umso schwerer los, denn sie bewegen sich nicht nur dreimal so schnell wie der Spieler selbst, sondern hauen einen auch nicht selten mit einem einzigen Punch direkt aus den Nano-Latschen. Besonders ausdauernd wird's dann, wenn die Munition ab Schwierigkeit "Mittel" viel zu schnell zur Neige geht und man die Viecher im Nahkampf umhauen muss. Flucht ist keine Option, denn statt Hebel oder Knöpfe zu finden, gilt es lediglich alles Lebendige im Abschnitt wegzuputzen, um in die nächstgelegenen Räume zu kommen. Was für ein revolutionärer Shooter... ganz herausragend, ehrlich beeindruckend!

So, irgendwann sind dann auch die letzten Aliens, die zwischen unserem gesichtslosen Helden und dem Ausgang standen, gekillt und man ist wieder an der frischen Luft. Der Dschungel hat sich mittlerweile in die hoch gepriesene Eiswüste verwandelt, doch viel sieht man davon nicht, denn man muss einen übrig gebliebenen Kollegen unter großer Feindbelagerung aus der -200° C kalten Eiszone befreien, die sich unter einer Art Käseglocke beständig vergrößert. So ist man also durchaus bemüht, den KI-Mitläufer mit dem defekten Nano-Ganzkörperkondom vorm Erfrieren zu bewahren, während die Aliens (diesmal in hochtechnischen Anzügen) in Scharen über einen herfallen. Dumm nur, dass der KI-Mitstreiter dämlich ist wie Brot. Der Zeitgenosse hat nämlich die schlechte Angewohnheit, sich immer zwischen den Spieler und die Aliens zu stellen. Richtig blöd ist das, denn auf befreundete Kameraden kann man in Crysis nicht schießen... das wird durch ein rotes X und dem Streiken der Waffe auch gut erreicht. An sich natürlich nobel, aber der Bereich um die Spielfigur ist einfach zu großzügig proportioniert. Steht der KI-Kollege also auch nur "fast" in eurer Schusslinie, verweigert eure Waffe trotzdem den Dienst und ihr könnt zusehen, wie der fiese Alien euren Mitstreiter brutzelt und euch der Nachladescreen direkt wieder an den Anfang der Hatz katapultiert. Hach, was für ein Spaß!


Fazit: Wie gehabt!

Ich könnte jetzt noch endlos so weitermachen. Zum Beispiel könnte ich über das Level herziehen, in dem man mit einem viel zu langsamen und regelrecht krankhaft trägen Senkrechtstarter im Kampf gegen fünfmal schnellere und wesentlich agilere Alien-Raumschiffe kämpfen muss. Oder wie wäre es mit einer weiteren dreiseitigen Abhandlung über den Endkampf, der vor Programmfehlern und Bugs nur so strotzt und den Spieler mit einem enttäuschenden Ende und mehr als dezentem Hinweis auf die beiden nächsten Teile der Trilogie zurück lässt... Wer glaubt noch, dass wir den Irren, der unbedingt zurück auf die Insel wollte, in baldiger Zukunft als entweder a) Verbündeten und Retter in der Not oder b) maskierten Alien und Überendgegner wiedersehen?

Ne, egal... sparen wir uns das alles lieber, denn Crysis ist und bleibt der Reinfall des Jahres. Wieder mal ein viel zu aufgebauschtes und medienpräsentes Stück Unterhaltungssoftware, aus dem viel hätte werden können. Hilft aber nix, Potential restlos verschenkt, auf ganzer Linie enttäuschend. Selbst die Next-Generation-Grafik - sofern es einen erschwinglichen PC gibt, der sie auch so darstellen kann, wie es ursprünglich beabsichtigt war - hätte daran nichts mehr geändert. Und schaut man ins Internet, sieht man deutlich, dass ich mit meiner Meinung wohl nicht ganz alleine dastehe. Mittlerweile gibt es mehr Crysis Hilfe- und Meckerforen als Fanseiten. Und abschließend sei all jenen gesagt, denen das Spiel wirklich gefällt: Es sei euch natürlich vergönnt. Viel Spaß beim Weiterzocken. Mir jedoch reicht's! Schnauze voll, Crysis in die Tonne und auf Wiedaschaun! Schließlich gibt's Wichtigeres im Leben, als ein mieses PC-Game! Back To Reality und einen schönen Abend noch da draußen!

Euer krisensicherer Eddy ;-)

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